Grußwort von Jürgen Fliege

Grußwort zum Tag der Hinterbliebenen

Jürgen Fliege

Sehr geehrte Damen und Herren,

Trauer ist eine große Form der Liebe und sie verhält sich nach den Gesetzen der Liebe. Sie richtet nicht, sie ist grenzenlos, sie ist groß und unerklärlich und sie ist mächtig wie die Liebe. Und wenn wir ihr begegnen und mit ihr leben müssen, dann ist es gut sich ihr zu unterwerfen, wie man sich eben als Liebender und Liebende der Liebe unterwirft. Wir sind Kinder der Liebe und Kinder der Trauer. Sie nimmt uns mit wie ein Strom der aus dem Gebirge polternde und schmerzhaft und über Kaskaden und Wasserfälle in die Tiefe stürzt, kein Boden mehr unter den Füssen und dann doch von Wasser gehalten. Aber der Tag wird kommen, ganz gewiss, da wird jeder Gebirgsbach und jeder reißende Strom in der Ebene ankommen. Das Fließen wird nicht mehr so schmerzhaft sein und die Ruhe kehrt ins Herz zurück und der Ozean in dem alles Wasser mündet kommt spürbar näher.

So oder so ähnlich sehen unsere Trauererfahrungen doch aus! Und langsam und nur sehr langsam verändert sich die anfängliche Erfahrung, dass der Tod des Liebsten wirkt, wie wenn das Leben sich gegen den Trauernden verschworen hätte, in eine Erfahrung, dass jeder aber auch jeder von uns geht, wenn sein Leben vollendet ist. Und dann kommt die uralte Erfahrung vorsichtig ans Licht und ins Herz, dass unsere Liebsten nicht gegen uns gestorben sind als Verschwörung des Lebens, sondern rechtzeitig für uns verstorben sind, als Geschenk des Lebens, das wir für immer in unserem Herzen tragen als eine Erinnerung und Orientierung, dass die Liebe nimmer aufhört.

Ihr Jürgen Fliege